24 Nov Black Friday – ne, danke.

Konsum ist das Herz unserer Wirtschaft: es hält das kapitalistische System am Laufen und verspricht uns Wohlbefinden. Dabei produziert der Markt ständig Produkte, die wir nicht brauchen – und trotzdem glauben kaufen zu müssen. Denn dank Werbung wissen wir, dass ein Auto Status, das Make-Up Sexappeal, eine Praline Freundschaft und die Fernreise Einzigartigkeit bedeutet. Was können wir der Werbemaschine unserer Wachstumskultur entgegen halten? Und was tun andere, um die visuelle Umweltverschmutzung durch Werbung zu stoppen?
Heute ist Black Friday. In den USA ist das der umsatzstärkste Tag des Jahres. Menschen warten bereits nachts in langen Schlangen vor den Geschäften, um sogenannte doorbusters (Schnäppchen) zu ergattern. Seitdem klar ist, dass sich das Internet wohl doch durchsetzen wird, gibt es passend dazu am darauffolgenden Montag den Cyber Monday, an dem Online-Händler mit scheinbar unschlagbaren Rabatten werben. Fun Fact: Die Rabatte gehen oft nicht vom tatsächlichen Marktpreis, sondern von der UVP (unverbindlichen Preisempfehlung) aus. Im Vergleich mit konkurrierenden Anbietern sind also anstatt der bepriesenen bis zu 90% Rabatt, nur 10 bis 25% Preisnachlass realistisch.

Die 90er Jahre waren geprägt durch die Auslagerung von Produktion und den Fokus auf Markenpolitik. Folge: der öffentliche Raum wurde zunehmend mit Werbung zugepflastert. Heute entsteht 1 % des BIP durch Werbung. Werbung schafft ungesunde Bedürfnisse und trifft vor allem die, die sich nicht wehren können: Kinder. Die sind als potenzielle Zielgruppe besonders attraktiv, denn sie sind die Konsumenten der Zukunft und stehen noch am Anfang einer langen Konsumkarriere.

Als Pendant zum Black Friday wird am 25.11. der #NoAdDay gefeiert, an dem symbolhaft Werbung im öffentlichen Raum entfernt wird. Bei “No Ad Day” geht es darum, die Übersättigung unseres Geistes und unserer Umwelt durch kommerzielle Medien zu kontrollieren. Damit wir unsere Bedürfnisse sinnvoller und produktiver angehen können. Alternativ kann man auch den “Kauf-Nix-Tag” feiern, der 1992 vom Künstler Ted Dave eingeführt wurde, um das Problem des übermäßigen Konsums zu boykottieren.

Adbusting und andere Suffizienzstrategien

Ich mag das Wort Suffizienz. Es klingt wie eine Mischung aus süffisant und Effizienz. Tatsächlich kommt der Begriff aus dem Lateinischen (sufficere = ausreichen, genügen) und steht für “das richtige Maß” und nachhaltigen Konsum. Beispiel: “Die Verminderung von Ressourcenverbrauch ermöglicht ein suffizientes & gutes Leben.” Der Verzicht ist dabei kein Rückschritt, sondern zukunftsweisend und einzigartige Handlungsoption. Die Rechnung ist einfach: Auf einem Planeten mit begrenzten Ressourcen kann es kein unendliches Wachstum geben. Leider gibt es Menschen, kein name dropping hier (Tipp: sein Name ist ein Anagramm für Mad Lord P. Nut), denen diese mathematische Überlegung schon zu komplex scheint.

“…the whole advertising industry […] doesn’t make sense any more in a world where consumption is increasingly becoming a major problem.” Kalle Lasn, 2007

Das menschliche Auge ist auf Licht und Bewegung getriggert. Wiederholung sorgt für Vertrauen. Genau davon profitiert die Werbeindustrie durch massive “Stadtmöblierung”. Diesen Begriff verwenden Ströer und die Berliner Stadtwerke offiziell auf ihren Webseiten. Klingt ja auch viel niedlicher und harmloser als visuelle Umweltverschmutzung.

“Ist die beste Subversion nicht die, Codes zu entstellen, statt sie zu zerstören?” Barthes, 1980

Das dachten sich auch die Adbuster. Adbusting übt mit der Recodierung, Verfremdung oder Überidentifizierung von Außenwerbung Kritik am Konsumkapitalismus. Eine beliebte Technik ist das sogenannte Sniping, wo einzelne Worte eines Werbeslogans überklebt werden. So wird zum Beispiel aus “Shop” ganz einfach “Stop”.

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Einen Schritt weiter geht der Verein Berlin Werbefrei, der mit einem Volksentscheid ein neues Gesetz durchbringen möchte, so dass die Hauptstadt von Außenwerbung befreit wird. Damit wäre Berlin die zweite Stadt Europas, nach Grenoble in Frankreich, die komplett auf Außenwerbung verzichtet. Nach Durchbringung des Gesetzes wären dann nur noch gemeinnützige Werbung und Veranstaltungswerbung, die mit einem konkreten Ort und Zeitraum ausgewiesen sein muss, zulässig. Das wichtigste Argument Gesundheit – Stichwort: Lichtverschmutzung, Stress, Depression, steht dabei auf der Seite des Vereins. Die Werbewirtschaft argumentiert zwar immer in Richtung Bürger, pinkelt sich damit allerdings selbst ans Bein, denn im Fokus steht immer das zu verkaufende Produkt. Die Aufgabe des Staates ist es hier Rahmenbedingungen zu schaffen, um die Monopolisierung und Wettbewerbsverzerrung einzudämmen.

Interessant ist für mich der aufkommende Mythos der Gegenkultur: also wenn der Feind sich deiner Waffen bemächtigt. Werbeagenturen abonnieren Adbusting-Magazine zur “Inspiration” und schalten selbst Werbung, die den Adbusting-Style imitiert. Noch krasser machen es zum Beispiel Unternehmen wie Starbucks, die sich den Mechanismen von Shitstorms bedienen, indem sie geplante Negativ-PR konzipieren. Denn wir wissen ja, jede PR ist gute PR.

Was brauchen wir wirklich? 

Ich schäme mich für unsere Kultur, in der Shopping als Hobby gilt und das erfolgreichste deutsche TV-Format aus einem pummeligen Modedesigner besteht, der shoppingwütige Frauen kommentiert, wie sie hysterisch von Store zu Store hetzen, um den perfekten Retro-Vintage Look für den Lauf auf dem Catwalk zu createn. Was für eine life-changing Herausforderung das sein muss, sich am Ende zwischen Make-up oder Styling entscheiden zu müssen, wenn das Geld nicht mehr reicht. #lifestruggle.

Wäre es nicht toll, wenn man sich keine Gedanken mehr machen müsste, um den Urlaub, den man sich nicht leisten kann, das Auto, das wir nicht brauchen oder den Körper, den wir nicht haben? Stellt euch eine Welt vor, in der euch Außenwerbung ein gutes Gefühl gäbe. Möchte ich mir etwas kaufen, dann setze ich es auf eine Liste. Wenn ich es nach 30 Tagen immer noch gut und das Geld wert finde, dann erst kaufe ich es. Ist der Artikel dann ausverkauft oder nicht mehr in meiner Größe verfügbar? Umso besser, dann freue ich mich, dass ich Geld gespart habe.

 

Bild: Berlin Werbefrei e.V.

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